5. Törchen

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Kriminalinspektor Reingruber betrat den Hof. Er war gerade erst aus München eingetroffen, wo man ihn während der Mittagspause angerufen hatte. Genaueres war nicht bekannt, der Anrufer hatte Mühe, sich klar auszudrücken. Die Dorfpolizisten waren damit beschäftigt, die Schaulustigen vom Tatort fernzuhalten. Ein kleiner, robuster Polizist kam auf ihn zugeeilt. „Sie müssen Inspektor Rein­gruber aus München sein“ Er nickte. „Ich bin der Leiter der örtlichen Dienststelle Markus Hecke.“ Dem Polizisten schien etwas unbehaglich zu sein. „Kommen Sie mit“, sagte er nur. Reingruber folgte ihm. Gemeinsam betraten sie den Stall. Reingruber war sich als Inspektor schon an vieles ge­wohnt. Dennoch verschlug es ihm die Sprache vor Entsetzen: Im Heu am Boden lagen verteilt vier Personen, alle mit einer schrecklichen Wunde am Kopf. Getrocknetes Blut verklebte das Stroh, ihre glasigen Augen starrten hilfesuchend ins Leere. Ihre Haut war blass und ihre Lippen leicht geöffnet. Ein Gerichtsmediziner untersuchte sie bereits. „Grosser Gott“, murmelte Reingruber und kratze sich am Hinterkopf. „Der gesamten Familie Gruber wurde der Schädel eingeschlagen. Ihrem Zustand nach zu urteilen ist dies zwei bis vier Tage her. Hier liegen Andreas Gruber, seine Frau Cäzilia Gru­ber, ihre verwitwete Tochter Viktoria Gabriel und die kleine Cäzilia Gabriel. Der zweijährige Josef liegt drinnen mit der Magd Maria Baumgartner. Genaueres werde ich Ihnen nach der Obduktion sa­gen können. Ich bin übrigens Dr. Johann Baptist Aumüller, Sie können mich ruhig Johann nennen“, sagte der Gerichtsmediziner. Reingruber betrachtete ihn. Er war ein junger, dürrer Mann und die di­cke Hornbrille verzerrten seine Augen, was ihm das Aussehen einer netten Eule gab. Wie alle ande­ren schien es ihm unbehaglich zu sein, hier zu stehen, machte gesamthaft aber einen gefassten Ein­druck. Reingruber reichte ihm die Hand. „Ich würde ja sagen, es freut mich, Sie kennenzulernen, aber ich glaube, das ist angesichts der Tatsache nicht angebracht“, meinte er mit einem Blick auf die vier Toten. Er drehte sich zu Markus um, der immer noch an der Stalltür stand und von einem Bein auf das andere trat. „Was habt ihr sonst herausgefunden?“, fragte ihn Reingruber. Markus zuckte zusammen. Offensichtlich war er nicht an solche Verbrechen gewohnt, es war ja auch nur ein klei­nes Dorf mit geschätzten vierhundert Leuten, die hier wohnten. Er räusperte sich verlegen. „Also, wir gehen von einem Raubmord aus, die Familie war sehr wohlhabend. Ausserdem treibt sich hier jedes Gesinde herum. Gruber hat uns vor ein paar Tagen darüber informiert, dass ihnen ein Haustür­schlüssel entwendet wurde. Er teilte uns auch mit, dass er das Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Er sagte, da wären Spuren, die in den Hof führten, aber nicht wieder heraus. Er fügte hinzu, dass sie seit einer Weile ein Mann mit Schnurrbart abends vom Waldrand her beobachten würde.“ Reingru­ber nickte. Sie verliessen den Stall, die Leichen wurden zugedeckt. „Habt ihr bereits mögliche Zeu­gen oder Täter?“, fragte Reingruber. Markus schüttelte den Kopf. „Nein, aber hier sind der Ortsfüh­rer Lorenz Schlittenbauer, Michael Pöll und Jakob Sigl, die die Toten entdeckt haben. Sie können sie in der Küche vernehmen.“ Reingruber runzelte die Stirn, Markus errötete. „Wir sind ein kleines, friedliches Dorf, es ist das erste Mal, dass wir ein richtiges Verhör machen. Wir haben gar keine Einrichtung dafür.“ Reingruber seufzte. Die Haustür ging auf und heraus trat ein Mann, der sich als Lukas Mann vorstellte. „Ich bin die Verstärkung aus München“, meinte er. Kurz bevor er die Tür schliessen konnte, rannte kläffend und bellend ein Hund heraus und sprang den Kommissar an. Lukas packte ihn am Halsband, bevor er irgendetwas tun konnte. Er entschuldigte sich. „Den hatte ich ganz vergessen, der war drinnen. Hätte mich fast gebissen.“ Er zerrte ihn zur Haustür und leinte ihn dort an. „Ich habe mich bereits im Haus umgesehen“, fuhr er fort. „Der oder die Täter müssen sich noch nach der Tat im Haus aufgehalten haben, denn der Ofen war noch warm und das gesamte Brot war weg.“ Er hielt einen Schlüssel hoch. „Der war in der Tür.“ Reingrubers Mundwinkel zuckten kurz. Endlich jemand, der sich als fähiger Kriminalist erwies. „Wurde viel entwendet?“ Lukas schien verwirrt zu sein. „Soweit ich es beurteilen kann, fehlt nicht viel. Im Schrank wurden etwa 1800 Mark gefunden, einen Überfall würde ich ausschliessen. Ausserdem deutet die Kopfwunde eher auf ein persönliches Motiv, wenn ich das behaupten darf.“ Johann, der Mediziner mit der Eulenbrille, verliess sie. „Die Toten rufen mich“, meinte er nervös, dann drehte er sich um und lief zum Seziertisch, den man improvisiert in den Hof gestellt hatte und auf dem bereits eine der sechs Leichen lag, die anderen waren in Tücher gelegt und warteten auf dem Boden. Reingruber rieb sich verzweifelt die Stirn. So kann kein Mensch arbeiten.

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© Linda E. Wilhelm

 

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