8. Törchen

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Joseph Bärtl nahm kurz nach Mittag auf dem Holzstuhl in der Küche Platz. „Herr Bärtl, ich nehme an, Sie wissen, warum Sie hier sind“, begann Reingruber schliesslich. Der Bäcker runzelte die Stirn. „Wenn Sie glauben, ich hätte die Gruber auf dem Gewissen, dann irren Sie sich, und zwar gewaltig! Was hätte ich denn für einen Grund gehabt, sie zu töten? Ich bin Bäcker, nicht Metzger, verdammt.“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch. „Niemand wirft ihnen etwas vor. Erzählen Sie uns einfach Ihre Geschichte.“ Er beruhigte sich. „Alles hat mit meiner kleinen Amanda angefangen, als sie...“, er unterbrach sich und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Haben Sie Kinder?“, fragte er die Polizisten. Beide schüttelten den Kopf „Ich hatte aber einen Hund, der für mich wie ein Kind war“, sagte Lukas. „Dann können Sie das nicht verstehen. Mein kleines Mädchen ist gestorben, sie war alles, was ich noch hatte. Dann hat mich der Nachbar mal gesehen, wie ich mit einem Hund auf der Strasse geredet habe. Die haben mich sofort für Geisteskrank erklärt und weggesperrt.“ - „Und dann sind Sie abgehauen“, warf Lukas ein. Der Bäcker sah ihn an. „Glauben Sie mir, aus diesem Ort wären sogar Sie geflüchtet. Dann kam ich hierher und habe neu angefangen. Die Leute hier brauch­ten einen Bäcker, also wurde ich der Bäcker. Mit dem, was den Grubers passiert ist, hab ich nichts zu tun. Die waren zwar geizig, aber die haben ihr Brot immer schön bezahlt. Der kleinen Cäzilia hab ich immer ein Weggli gegeben, wenn ich eins übrig hatte, sie einnerte mich sehr an meine klei­ne Amanda...“, sagte er und schniefte. Dann sah er wieder Lukas an und kniff die Augen zusammen. „Kann es sein, dass Sie schon mal hier waren? Ihr Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor.“ Lukas zuckte die Schultern. Kann gut sein, dass sie mich verwechseln, ich sehe vielen Leuten ähn­lich. Möglicherweise haben Sie mich auch in der Zeitung gesehen.“ Der Bäcker nickte. „Kann gut sein.“ Dann kreisten seine Gedanken zurück zu seiner Tochter, und das Wasser lief ihm wieder in die Augen. „Verzeihen Sie mir“, sagte er. Reingruber nickte. „Schon gut, sie dürfen gehen. Aber bleiben Sie im Dorf.“ Joseph stand auf und verliess die Küche. Lukas kritzelte in sein Notizbuch. „Wieso haben Sie ihn nicht gefragt, wo er in der Tatnacht war?“, wollte Lukas wissen. Reingruber lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Ein Bäcker muss um vier Uhr morgens backen, wenn er am Morgen noch warmes, frisches Brot verkaufen will. Wäre er bei den Grubers gewesen, hätte er kei­ne Zeit gehabt, das Brot zu backen. Da er die Bäckerei alleine führt und da sich niemand über altes Brot am 1. April beklagt hat, muss er die Nacht dort verbracht haben.“ Lukas zuckte die Schultern. Er wirkte nicht überzeugt. „Kann sein, dass er nicht geisteskrank ist, aber emotional hat er sich lan­ge nicht im Griff.“

Zuletzt nahm Lorenz Schlittenbauer Platz. Er schien nervös zu sein. „Dauert es lange? Ich muss mich noch dringend um ein paar Angelegenheiten im Dorf kümmern.“ - „Das kommt ganz auf Sie darauf an, Herr Schlittenbauer. Erzählen Sie, wie Sie die Grubers gefunden haben.“ Lorenz kratzte sich am Hinterkopf. „Uns war die Abwesenheit der Grubers in der Kirche aufgefallen, also hab ich Michael den Jakob holen lassen und wir haben den Hof durchsucht. Ich war im Haus, die Tür war bloss angelehnt, als ich Michael hab schreien hören. Dann bin ich natürlich sofort rausgerannt.“ Reingruber runzelte die Stirn und sah Lukas an. Dieser blätterte kurz in seinem Notizblock und frag­te dann. „Sind Sie sich wirklich sicher, dass die Tür nicht verschlossen war? Und war drinnen ein Hund?“ Lorenz schien verwirrt. „Nein! Da war weder ein Hund noch eine geschlossene Tür, das schwör ich Ihnen.“ Reingruber beobachtete ihn. Lorenz kratzte sich wieder, wobei sein Ärmel leicht verrutschte und drei Kratzer zum Vorschein kommen liess. „Und was ist das?“, fragte er ihn. „Lorenz zuckte zusammen. Ach so, also das, das war mein Kater, der Felix. Ja, Felix hat mich ge­kratzt. Er hatte mir wieder eine tote Ratte aufs Bett gelegt, mir hat's gereicht und ich hab ihn vor die Tür gesetzt. Dabei hat er mich gekratzt.“ Reingruber nickte. „Natürlich, der Kater. Lukas, verhaften Sie den Mann.“ Lukas nahm ihn fest. „Sie irren sich, Sie machen einen grossen Fehler! Es war wirk­lich der Kater!“ Sie brachten ihn quer über den Hof. Auf halbem Weg begann der Hund zu bellen, als eine getigerte Katze über den Hof strich. Lorenz' Blick hellte sich auf. „Felix!“, rief er. Als die Katze ihn sah, machte sie einen hohen Buckel, fauchte und machte sich davon. Markus, den der Lärm angezogen und die Szene mitverfolgt hatte, eilte herbei. „Um Gottes Willen, lassen Sie den Lorenz gehen! Er hat doch nichts getan, das war wirklich seine Katze!“ Lukas sah ihn an. „Tut uns Leid, Markus, aber die Beweise sprechen gegen ihn.“ „Welche Beweise denn?“, wollte Markus wis­sen. „Haben Sie denn die Tatwaffe gefunden?“ - „Nein“, gab Lukas zu, „aber wir gehen davon aus, dass der Mörder die Reuthaue behalten hat. Bei den Grubers fehlte sie nämlich.“ Lorenz sah die bei­den Polizisten an. „Durchsuchen Sie mein Haus, wenn Sie wollen. Ich habe sie nicht, ich bin un­schuldig. Die Hausdurchsuchung verlief schnell, ohne Erfolg. Im Schlafzimmer auf dem Bett lag sogar wieder eine tote Ratte, und der Kater Felix sass draussen vor dem Fenster. Lukas öffnete die Handschellen. „Entschuldigen Sie uns für den Irrtum, Herr Ortsführer“, meinte Reingruber betreten. Ein solcher Fehler war ihm noch nie passiert. Lorenz rieb sich die Handgelenke. Ich lass eine Anzeige nur deswegen bleiben, weil in meinem Dorf noch ein Typ mit einer blutigen Reuthaue herumläuft und vielleicht sonst noch jemandem den Kopf einschlägt.“ Dann ging er in sein Haus zurück. Reingruber seufzte. Lukas sah ihn an. „Und was machen wir jetzt?“ - „Tja, die Verdächtigen haben sich alle als unschuldig erwiesen, Zeugen wurden alle verhört, ihre Aussagen widersprechen sich, von der Tatwaffe fehlt jede Spur. Johann musste gestern abreisen, er wurde dringend wieder in München gebraucht. Ausserdem habe ich das Gefühl, hier stimmt etwas nicht. Ich würde sagen, das ist der Moment Ihres Notizblocks, Lukas. Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie sich aus. Sie sehen Müde aus. Könnte ich Ihre Notizen haben? Vielen Dank.“ Lukas drückte ihm seine Notizen in die Hand. „Schönen Abend noch, Herr Kommissar“, sagte er, dann drehte er sich um und ging.

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© Linda E. Wilhelm

 

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