14. Törchen

Die Sache mit den Gefühlen

 

Sie ist noch in der Testphase. Es gibt noch ein paar kleine Fehler zu beheben, aber ansonsten läuft sie perfekt, die Kleine. Sie kann bereits sprechen und gehen. Aber das Allerwichtigste: Sie erkennt mich wieder. Ich sehe es genau. Wenn ich mich vor sie setze, richtet sie ihre Augen auf mich, ihr Gesicht ist ausdruckslos. Zwei Sekunden lang herrscht Stille. Ich kann beinahe hören, wie ihr Gehirn arbeitet, versucht, die verschiedenen Umwelteinflüsse zu verarbeiten, wie sie meine Gesichtsstruktur durch die verschiedensten Ecken ihrer Software jagt, um die Antwort auf die Frage zu finden, wer ich bin und was sie bereits über mich weiss.

Vor drei Monaten hätte dieser Vorgang noch Stunden gedauert, aber jetzt – zwei Sekunden! Eine fabelhafte Leistung. Sie blinzelt; auch das macht sie manchmal, denn das ist bei Menschen normal. Dann öffnet sie den Mund und spricht perfekt artikulierend zwei Worte mit ihrer ruhigen, melodischen und beinahe warmen Stimme: „Hallo Steve!“ Meine Freude hält sich kaum in Grenzen, aber ich behalte meine Ruhe. Jetzt einen Freudentanz aufzuführen wäre nicht professionell. „Hallo Svenja!“, antworte ich. „Was lernen wir heute?“ Erstaunlich. Ihre Software imitiert die menschlichen Gedankengänge so gut, dass ich manchmal selbst überrascht bin. Svenja hat soeben erkannt, dass ich, Steve, sozusagen ihr Lehrer bin, indem sie den täglichen Informationszufluss mit meiner Gestalt assoziiert hat. Ich notiere laufend ihre Fortschritte. An der Software ändere ich schon seit Monaten nichts mehr, aber sie lernt täglich neue Funktionen. Gestern zum Beispiel haben wir ihre motorischen Fähigkeiten getestet. Nach etwa vier Stunden konnte sie bereits laufen, nach weiteren zwei springen und rennen. Wenn ich sie schubse, fällt sie nicht mehr um. Sie hat Reflexe entwickelt. Das hat es bisher noch nie gegeben. Meine Svenja ist gestolpert, aber sie hat sich aufgefangen. Für manche kann dies bereits als Beweis künstlicher Intelligenz gelten, vor der sich viele fürchten und überzeugt sind, dass sie den Weltuntergang herbeiführen wird, aber mir reicht es nicht. Wegen diesen Leuten musste ich mir letzte Woche ein Sicherheitssystem für meine Wohnung, die gleichzeitig auch mein Arbeitsplatz ist, bauen lassen. Jemand hat nämlich versucht, einzubrechen und Svenja zu töten. Er wollte sie kurzschliessen, hat es aber nicht geschafft.

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© Linda E. Wilhelm

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Julia (Samstag, 16 Dezember 2017 22:47)

    Eine sehr interessante Geschichte, die ein so aktuelles Thema aufgreift. Für mich persönlich wirklich spannend!
    Ich fände es auch toll, wieder einmal etwas in Richtung Science-Fiction von dir zu lesen.