24. Törchen: Heiligabend!

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Alle tun so, als gäbe es keine Probleme, oder dass der Weihnachtsmann, den es nicht gibt, alles in Ordnung bringt. Man schenkt sich Dinge, die man weder will noch braucht und tut so als wäre es das tollste auf der Welt und man wartet auf ein Wunder, das nie kommt. Und dann? Am Tag darauf ist alles vergessen, die Geschenke landen im Müll, gemeinsam mit dem toten Baum und alle Probleme sind wieder da. Ich wünschte, Weihnachten wäre ein Tag wie jeder andere.“ Und das hast du deiner kleinen Schwester erzählt, deshalb bist du hier.“ Er kämpfte kurz mit seinem schlechten Gewissen. „Sie hat mich genervt, und dann ist es mir rausgerutscht. Aber es ist die Realität.“ Sie sah ihn über den Rand ihrer Brille hinweg an. „Dann gibt es mich deiner Meinung nach nicht?“ Er schüttelte den Kopf. „Komm mit, ich zeig dir was.“ Sie führte ihn zu einem Fenster. Von dort sah er nicht in den Wald, sondern in eine Stube. Er erkannte sie sofort. Seine kleine Schwester sass auf dem Sofa, stiess ein Geschenk von sich weg und nahm den Adventskalender von der Wand. Dann setzte sie sich wieder hin, starrte ins Leere und weinte. Er sah seine Mutter, die ihn anschrie und sich selber, wie er die Tür zuknallte. Dann sah er, wie seine Mutter die Tür öffnete und ein Polizist davor stand. Sie begann zu weinen und umarmte seine Schwester. Er fühlte Kälte. „Du bist in den Wald gelaufen und erfroren, erinnerst du dich? Ich und mein Haus sind ja nicht da.“ Er schluckte und sah durch das Fenster, wie sein Vater mit drei Geschenken heimkam und trotz seiner Müdigkeit lächelte, denn er hatte hart und lang gearbeitet. Wie das Lächeln erlosch und die Geschenke zu Boden fallen liess, als er seine Mutter sah. Dann verschwamm die Zeit und er sah Weihnachten nach Weihnachten in seiner Stube, aber ohne Baum, ohne Musik, ohne Geschenke, ohne Adventskranz und ohne Schmuck. Nur eine einzige Kerze stand auf dem Tisch, und er wusste, dass sie für ihn brannte. Er wandte sich ab und sah die alte Frau an. „Da ist Weihnachten ein Tag wie jeder andere“, sagte sie. Er begann zu weinen. „Ich wünschte, ich hätte eine zweite Chance“, sagte er. Sie nickte und hielt ihm den Tee hin. Diesmal schmeckte er süsslich. „Es gibt viel Schlechtes, aber deshalb sollst du nicht aufhören, an das Gute zu glauben. Dafür steht Weihnachten. Vergiss das nie.“ Er nickte. Kurz darauf stand er wieder in seiner Stube vor seiner Schwester. „Weisst du...“ Er hielt inne. „Du hast recht, Weihnachten ist toll“ Sie umarmte ihn. „Es schneit! Ein Wunder!“ Rief sie und rannte zum Fenster. Kurz glaubte er, Mary draussen im Schnee zu sehen, aber sie verschwand als er blinzelte. Er lächelte. Alles war gut.

 

© Linda E. Wilhelm

 

So! Hiermit sind wir am Ende des Adventskalenders angelangt, ich hoffe es hat euch Spass gemacht. Aber wie alles irgendwann zu Ende geht, so auch dieser Kalender. Jetzt ist es Zeit, den Stift aus der Hand zu legen, den Computer herunterzufahren, die Schreibideen in den Hintergrund zu drängen und endlich zu feiern. Allen ganz schöne Festtage!

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Julia (Samstag, 06 Januar 2018 10:18)

    Wow, die Geschichte hat mich wirklich berührt! Obwohl man ähliches bereits kennt (zB. A Christmas Carol, Dickens) finde ich deine Umsetzung super und auch dass die Thematik des unnötigen Schenkens, welche ja sehr aktuell ist, aufgenommen wurde, finde ich grandios.